Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland sind auf ein Nierenersatzverfahren angewiesen.

Deshalb stehen die Nephrologen – Nierenärzte – mit ihrer Arbeit für umfassende medizinische Versorgung. Und ermöglichen so Patientinnen und Patienten ein hohes Maß an Lebensqualität.

Zwischen Intensivbetreuung und Hochleistungsmedizin

Redensarten verraten viel über Körper und Seele: „Auf Herz und Nieren“ prüfen wir, was uns besonders wichtig ist. Das zeigt die grundlegende Bedeutung, die diese Organe für uns haben. Sie übernehmen unverzichtbare Funktionen in unserem Körper und sichern unser Überleben. Lange Zeit galten die Nieren als Sitz der Seele und der Emotionen („Das geht mir an die Nieren“), bezeichneten das Innerste und Verborgenste des Menschen.

Lebensnotwendig und faszinierend – Multitalent Niere

Tatsächlich sind unsere Nieren Multitalente, ebenso lebensnotwendig wie faszinierend. Gesunde Nieren funktionieren wie eine körpereigene „Kläranlage“, indem sie die Giftstoffe aus unserem Blut herausfiltern. Zur Dekontamination des Organismus werden täglich rund 1.800 Liter Blut „gewaschen“. Das entspricht ungefähr 15 Badewannen. Zugleich leisten sie durch die Zu- und Abschaltung eines komplexen Hormonsystems Präzisionsarbeit bei der Regulierung des Blutdrucks. Unsere Nieren übernehmen darüber hinaus eine zentrale Funktion als Messstation und Regulationsapparat: sie gleichen den für den Stoffwechsel unseres Körpers elementaren Säure-Basen-Haushalt aus und sorgen für einen gut ausbalancierten Wasser- und Elektrolythaushalt. All diese Gleichgewichte regeln die Nieren innerhalb sehr enger Toleranzgrenzen. Bei genauer Betrachtung erweisen sich die Nieren also als wahre Multitalente.

Nierenerkrankungen können lebensbedrohlich sein

Diese zentralen Aufgaben lassen erahnen, was passiert, wenn die Nieren versagen. Nierenerkrankungen betreffen niemals nur die Nieren selbst, sie wirken stets auf den gesamten Organismus. Schon geringe Einschränkungen der Nierenfunktion erhöhen das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen erheblich. Ein Komplettausfall der Nieren würde ohne medizinische Intervention unweigerlich zum Tode führen.

Diabetes und Bluthochdruck – Risiko für die Nieren

Immer mehr Menschen leiden unter einer Nierenerkrankung. Warum ist das so? Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die in den Nieren ihren Ausgangspunkt nehmen. Und es gibt viele Erkrankungen, die zunächst einmal nichts mit den Nieren zu tun haben, diese aber in der Folge schwer schädigen können. Vor allem die wachsende Verbreitung von Volkskrankheiten, allen voran Diabetes und Bluthochdruck, können den Nieren Schaden zufügen.

So leiden etwa 80 Prozent der Menschen mit Diabetes – in Deutschland sechs Millionen mit steigender Tendenz – auch unter einem zu hohen Blutdruck, und der gilt gleichsam als „Nierenkiller“. Auf Dauer schädigt ein hoher Blutdruck die Nieren. Das führt dazu, dass diese ihre regulierende Funktion nicht mehr ausreichend erfüllen können. Dadurch wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der die Grunderkrankung verstärkt und die Nierenschäden vergrößert. Eine schlechte Nierenleistung erhöht zugleich das Risiko für Herzerkrankungen erheblich. Ein frühzeitig erkannter und gut kontrollierter Bluthochdruck ist deshalb besonders wichtig.

Leider bleiben Nierenerkrankungen auch heute noch zu lange unerkannt. Langjähriger, unbehandelter Bluthochdruck ist die mit Abstand häufigste Ursache für ein chronisches Nierenversagen. Bis sich jedoch erste Symptome zeigen, vergehen oft Jahre oder Jahrzehnte. Der bis dahin unter Umständen erlittene Verlust von Nierengewebe ist unumkehrbar. Erst wenn eine kritische Schwelle des Nierenfunktionsverlustes überschritten wird, zeigen sich Krankheitserscheinungen, die sich dann relativ schnell auch zu einer bedrohlichen Situation entwickeln können.

Wenn die Nieren versagen – Dialyse und Transplantation retten Leben

Wird ein chronisches Nierenversagen nicht frühzeitig erkannt, endet es vielfach in einem vollständigen Versagen der Nieren (terminale Niereninsuffizienz). Dank guter Behandlungsmöglichkeiten kann der Zeitpunkt, an dem dann eine Nierenersatztherapie unausweichlich wird, heute zwar immer weiter hinausgezögert werden – das zeigt die stagnierende Zahl der Dialysepatienten und das heutige Durchschnittsalter dialysepflichtiger Patienten von 68 Jahren. Die Dialyse ist aber nach wie vor die einzig mögliche Therapie, die die Funktion eines Organs langfristig, sogar über Jahrzehnte hinweg, ersetzen kann.

Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland – das entspricht der Einwohnerzahl einer mittelgroßen Stadt wie Ulm – leiden an einer terminalen Niereninsuffizienz. Die Krankheit ist eine existenzielle Erfahrung mit weitreichenden Folgen für die Patienten, aber auch für ihr unmittelbares soziales Umfeld. Diese Menschen sind aus eigener Kraft nicht mehr lebensfähig. Nur eine Dialysebehandlung oder Transplantation ermöglicht ihnen das Überleben.

Patienten, für die eine Organtransplantation in Frage kommen, müssen derzeit etwa sieben Jahre auf eine Spenderniere warten. Für die meisten von ihnen ist deshalb die Dialyse die einzige Option für eine Nierenersatztherapie. Dass Patienten heute oft über Jahre und Jahrzehnte mit der Dialyse leben können, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war ein vollständiges Nierenversagen nicht nachhaltig wirksam zu behandeln. Erst die Errungenschaften der medizinischen und medizintechnischen Entwicklung haben der Krankheit ihren tödlichen Schrecken genommen. Mehr noch ermöglichen moderne Dialyseverfahren den Patienten eine vergleichsweise gute Lebensqualität.

Lebensqualität trotz Dialyse

Die körperlichen, psychischen und in der Regel auch die zeitlichen Belastungen einer dauerhaften Dialyse-Behandlung sind hoch. Jeweils vier bis sechs Stunden an drei Tagen in der Woche verbringt ein Patient mit der Hämodialyse. Etwas flexibler sind die Patienten, wenn sie zu Hause dialysieren können. In jedem Fall verlangt die Dialyse auch ein hohes Maß an Selbstdisziplin, vor allem in der diätetischen Ernährung und einer stark eingeschränkten Flüssigkeitsaufnahme.

Doch trotz aller Einschränkungen und dem notwendigen Abschied von Gewohnheiten – die Patienten können lernen, mit der Dialyse zu leben und ihr Leben mit zufriedenstellender Qualität zu gestalten – in der Familie, im Beruf, in der Freizeit. Wichtig ist allerdings, dass das familiäre und soziale Umfeld unterstützt. Viele Patienten beklagen schmerzlich, dass sie über ihre Krankheit nicht offen sprechen können. Dabei ist das Verständnis von Verwandten, Freunden, Kollegen und Arbeitgebern wesentlich, um die Krankheit annehmen und die Möglichkeiten des eigenen Lebens positiv angehen zu können. Auch mit der Dialyse können die Patienten eine vergleichsweise gute Lebensqualität erzielen. So ist zum Beispiel körperliche Aktivität nicht nur möglich, sondern – in einem vernünftigen Maß – sogar wichtig. Und auch die Reiselust muss unter der Dialyse nicht leiden. Dank einer flächendeckend gut organisierten Dialyse-Versorgung können die Patienten auch ortsunabhängig jederzeit gut behandelt werden.

Mehr Freiheit durch bedürfnisgerechte Versorgung – Dialysezeit ist Lebenszeit

Deutschland verfügt über ein exzellentes Netz an Dialysezentren. Dadurch ist sichergestellt, dass dialysepflichtige Patienten überall im Land – und vielfach auch im Ausland – jederzeit die notwendige Versorgung erhalten können. Die Urlaubsplanung erfolgt gemeinsam mit dem behandelnden Arzt, der dabei hilft, die Dialyse am Urlaubsort zu organisieren. Auf der anderen Seite haben Patienten, die aktiv im Berufsleben stehen, unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, die Dialyse gleichsam im Schlaf zu nutzen. Dazu kommt der Patient am Abend in ein Dialysezentrum und übernachtet dort, während der Dialysator seine entgiftende Arbeit verrichtet.

Moderne Dialyseverfahren: sicher, schonend und zuverlässig

Seit der Gießener Internist Georg Haas vor 90 Jahren, im Jahr 1924, erstmals eine „Blutwäsche“ außerhalb des Körpers eines Menschen mit Erfolg durchführte, hat sich die Dialyse rasch weiterentwickelt. Heute stehen innovative Verfahren zur Verfügung, die eine gleichermaßen schonende, sichere und dauerhaft zuverlässige Behandlung ermöglichen. Die Lebenserwartung von Dialyse-Patienten konnte in den vergangenen Jahren um 15 bis 20 Prozent gesteigert werden.

Die Hämodialyse ist das am häufigsten eingesetzte Verfahren. Dabei wird das körpereigene Blut durch einen Dialysator – auch künstliche Niere genannt – gepumpt. Hier wird das Blut „gereinigt“ und anschließend in den Körper des Patienten zurückgeleitet. Da gesunde Nieren rund um die Uhr ihren Dienst verrichten, können die relativ kurzen Dialysezeiten bei der Hämodialyse diese Funktion nicht vollständig ersetzen. Deshalb muss dieses Verfahren mehrfach in der Woche angewendet werden.

Neben der Hämodialyse hat sich die Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) als ein gleichwertiges Verfahren etabliert. Über einen fest in die Bauchhaut eingelegten Katheter gelangt dabei eine spezielle Spüllösung (Dialysat) in das stark durchblutete Bauchfell. Die Giftstoffe werden aus dem Blut von der Spülflüssigkeit aufgenommen, über den Katheter abgeleitet und durch neue Dialyseflüssigkeit ersetzt. Der Reinigungsprozess verläuft kontinuierlich und schonend und kommt der natürlichen Entgiftung durch die Nieren sehr nahe. Durch die weitgehende Unabhängigkeit von Maschinen können Patienten diese Therapie nach einer umfassenden Schulung auch selbständig zu Hause durchführen (Heimdialyse), wenn der Patient gesundheitlich dazu in der Lage ist.


Komplexe medizinische Herausforderung – Begleit-, Folge- und Mehrfacherkrankungen

Die Behandlung von Patienten, die unter einem vollständigen Nierenversagen leiden, erschöpft sich jedoch nicht in der Dialyse allein. Da sich die Dialysepflichtigkeit in immer höhere Altersgruppen verlagert, leiden insbesondere ältere Menschen zunehmend auch unter Mehrfacherkrankungen. Dadurch entstehen äußerst komplexe Krankheitsbilder, die eine zeit- und behandlungsintensivere Versorgung erfordern. Das stellt nicht nur die medizinische Behandlung, sondern auch unser Gesundheitssystem vor erhebliche Herausforderungen.

In mehreren ländervergleichenden Studien wurde der deutschen Dialyseversorgung eine überdurchschnittliche Qualität bescheinigt. Deutsche Dialysepatienten leben im internationalen Vergleich länger und besser, zugleich sind die Kosten der Dialysebehandlung in Deutschland vergleichsweise niedrig. Diese Erkenntnisse sind das Ergebnis einer hohen Leistungsfähigkeit der nephrologischen Versorgung in Deutschland. Dialyse-Patienten sind schwerstkranke Menschen, die dauerhaft unter einer lebensbedrohlichen Erkrankung leiden. Deshalb benötigen sie weit mehr als den kompetenten Einsatz medizinischer Technik, der sie ihr Überleben verdanken. Die Behandlung ist medizinisch äußerst komplex und erfordert zudem eine intensive fachpflegerische und psychosoziale Betreuung, die nur in professionellen Behandlungsteams gewährleistet werden kann. Dafür sorgen in Deutschland rund 2000 Nierenfachärzte und die Pflegeteams in nephrologischen Praxen und Dialysezentren.

Das gesamte Krankheitsgeschehen im Blick – die Nephrologie

Als die Spezialisten für Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen gewinnen die Nephrologen in der gesundheitlichen Versorgung zunehmend an Bedeutung – in der Prävention und Früherkennung ebenso wie in der Diagnostik und Therapie. Gerade weil Nierenerkrankungen „systemische Erkrankungen“ sind, also den gesamten Organismus betreffen und mit zahlreichen Begleit- und Folgeerkrankungen einhergehen, erfordert die nephrologische Disziplin einen internistischen Rundumblick. Es ist dieser 360°-Blick auf das individuelle Erkrankungsbild, der den Nephrologen zum „Disease Manager“ nierenkranker Patienten macht. Das bedeutet aber auch: nur eine übergreifende, abgestimmte und ganzheitliche Versorgung kann zu optimalen Behandlungsergebnissen führen. Deshalb setzen sich die Nephrologen mit großem Nachdruck für eine noch bessere Zusammenarbeit mit angrenzenden medizinischen Disziplinen ein – zum Wohle der Patienten.