Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland sind auf ein Nierenersatzverfahren angewiesen.

Deshalb stehen die Nephrologen – Nierenärzte – mit ihrer Arbeit für umfassende medizinische Versorgung. Und ermöglichen so Patientinnen und Patienten ein hohes Maß an Lebensqualität.

90 Jahre Dialyse

Im Oktober 1924 führte Georg Haas die erste Dialyse am lebenden Menschen durch. Die Behandlung dauerte 15 Minuten und bewies, dass eine „Blutwäsche“ am lebenden Menschen möglich war. Dank intensiver Forschungen und kontinuierlicher Weiterentwicklung der Dialysetechnik konnte die Behandlung nierenkranker Menschen immer weiter verbessert werden.

1924
Georg Haas – „Erfinder“ der Dialyse

Mit einem selbstgebauten Dialyseapparat aus Glaszylindern und kunststoffähnlichen Schläuchen führte der Gießener Internist Georg Haas (1886-1971) die erste Dialyse an einem lebenden Menschen durch. Von Fachkollegen wurde er belächelt: Dass sich menschliche Organe durch Maschinen ersetzen lassen könnten, galt damals als absurd.

1943
Das Haas’sche Prinzip wird wiederentdeckt

Gemeinsam mit Hendrik Berk entwickelte der Niederländer Willem Johann Kolff eine rotierende Trommelniere, die eine routinemäßige Durchführung der Dialyse ermöglichen sollte. Obwohl seine „künstliche Niere“ binnen sechs Stunden immerhin 40 g Harnstoff entfernte, wurde sie von vielen als Spielerei und elitäre Sondermethode einiger Universitätsprofessoren abgetan.

1950er
Dialyse rettet Leben

Anfang der 1950er Jahre fand die Dialyse an mehreren Kliniken der US-amerikanischen Ostküste größere Verbreitung. Dass sie Leben retten kann, zeigte sich im Koreakrieg. Zahlreiche Soldaten litten an akutem Nierenversagen aufgrund von Virusinfektionen.

1954
Erste erfolgreiche Transplantation

Dem Bostoner Chirurgen Joseph Murray gelang die erste erfolgreiche Nierentransplantation und damit zugleich die erste dauerhaft erfolgreiche Organtransplantation überhaupt. Noch bedurfte es der Spende einer blutsverwandten Person. Acht Jahre später transplantierte Murray einem nicht blutsverwandten Empfänger die Niere eines toten Menschen.

1956
Die Industrie „entdeckt“ die Dialyse

Die 1956 vorgestellte „Zwillingsspulenniere“ von Willem Kolff und Bruno Watschinger erleichterte Ärzten und medizinischem Personal die Handhabung. Und da ihre Dialysierspulen zum Einmalgebrauch für die Massenproduktion geeignet waren, konnte die weltweite Verbreitung der Dialyse ihren Lauf nehmen.

1966
Durchbruch bei der Behandlung von chronisch Nierenkranken

Die Cimino-Brescia-Fistel löste ein entscheidendes Problem: Da die Dialyse die Durchtrennung eines Blutgefäßes nötig machte – folglich maximal zwölf Sitzungen möglich waren – und auch der 1960 entwickelte Scribner Shunt für die langfristige Behandlung ungeeignet war, mussten chronische Nierenleiden zuvor unbehandelt bleiben. Bis heute werden mit der subkutanen Fistel künstliche Gefäßzugänge für die Behandlung von chronisch Nierenkranken gelegt.

Ende 1960er
Dialyse für alle

Nicht nur die medizinische Technik machte Fortschritte: Ende der 1960er Jahren wurde
die Dialyse in Deutschland zur Kassenleistung. Die aufwändige Therapie wurde so für alle  Nierenpatienten zugänglich.

Anfang 1970er
Dialyse wird verträglich

Mit der kontrollierten Ultrafiltration brachte die Dialyseforschung ein neues Verfahren in die Behandlung ein, das die Dialyse effektiver und verträglicher gestalten sollte. Kleinste Substanzen und Partikel können so über die Membran aus dem Blut abgetrennt werden, wodurch der Körper des Patienten von chemischen Substanzen gereinigt wird. Gleichzeitig geht die Entgiftung langsamer und damit schonender vonstatten.

1976
Dialyse auf Reisen

Spendengelder ermöglichten Prof. Gessler die Umsetzung einer lang gehegten Idee: Er wollte Dialysepatienten ihren verdienten Urlaub verschaffen. So wurde ein VW-Transporter mit einem Dialysegerät zum Campingbus umgerüstet. Erstmals konnten Dialysepatienten wieder in die Ferien fahren. Gesslers Idee wurde fortgesetzt – heute können Dialysepatienten die vielfältigen Möglichkeiten der Feriendialyse nutzen.

Ende 1970er
Das Zeitalter der Kurzzeitdialyse

Das Verfahren der Hämofiltration ergänzte die gängige Hämodialyse. Mit dieser Form der Dialyse ließ sich ein höherer Spüleffekt bei langsamerer und damit schonender Entgiftung erzielen. Mit der Hämodialfiltration – einer Kombination aus Hämodialyse und Hämofiltration – konnte die Gesamtmenge der entfernten Giftstoffe zusätzlich gesteigert werden. Das effektive und patientenschonende Verfahren läutete das Zeitalter der Kurzzeitdialysen ein.

1980er
Sport stärkt

Die Dialyse ist eine psychisch wie physisch belastende Prozedur. Seit den 1980ern wurden die Therapien daher vermehrt um begleitende Sportangebote ergänzt. Ergometer-Tranings, Gymnastikübungen und progressives Krafttraining fördern Ausdauer, Muskelkraft und Mobilität – und geben den Patienten ein Stück Lebensqualität zurück.

1990er
Die Dialyse wird effektiver

Das Verfahren der Online-Hämodiafiltration setzte neue Maßstäbe. Die Sterblichkeitsraten chronisch nierenkranker Patienten wurden deutlich verringert. Auch der Blutdruck und Begleiterscheinungen wie der Mangel an roten Blutkörperchen ließen sich besser kontrollieren. Kurzum: Die Dialyse wurde effektiver und schonender.

2009
Integrierte Versorgung in der Dialyse

Gemeinsam brachten Krankenkassen und Nephrologen in Sachsen-Anhalt die integrierte Versorgung von Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz auf den Weg. Mit der frühzeitigen Einbindung von Nephrologen und durch gezielte Maßnahmen der Früherkennung, Sekundärprävention und Progressionsverzögerung soll die Dialysepflicht hinausgezögert werden – und im besten Fall gänzlich vermieden werden.

2013
Dialyse für die Kleinsten

Der italienische Arzt Claudio Ronco entwickelte mit seinem Team ein Dialysegerät zur Behandlung von Kleinkindern und Säuglingen, das mit deutlich niedrigeren Durchflussraten arbeitet. Ärzte können so kleinste Katheter nutzen, um die Blutgefäße ihrer jungen Patienten nicht zu schädigen. Im Sommer 2013 konnte einem neugeborenen Mädchen, das wegen Komplikationen bei der Geburt an Multiorganversagen litt, das Leben gerettet werden.